Zur Sache mit Gott

„Du allein kennst das Herz aller Menschenkinder.“
1. Könige 8,39 ( Monatsspruch Juni)

Sommer … wie alle Jahre wieder in diesen Monaten – aber dieses Jahr besonders. Coronakrise. Es ist im Moment, in denen ich diese Zeilen schreibe (Ende April), noch überhaupt nicht absehbar, wie das Leben im Juni wieder aussehen kann. Gibt es wieder einen Alltag – ähnlich dem, wie er vor Corona war? Welche Einschränkun-gen gibt es noch? Wie ist die Bedrohung durch die Krankheit? Wie ist es mit den Sorgen um die beruflichen und finanziellen Folgen?

Wir würden gerne den Durchblick haben: Was ist richtig, was ist falsch? Was ist möglich und was sollte man lieber lassen? Wie können wir mit dieser Krise gut umgehen – als Gesellschaft, als Einzelne, als Kirche? Wir würden gerne verstehen!

Auch unabhängig von dieser konkreten Situation: Wir würden gerne verstehen, warum das Leben so ist, wie es ist. Warum die Menschen sich so verhalten, wie sie sich manchmal verhalten. Ja: warum ich so bin, wie ich manchmal bin.

Wir würden gerne verstehen, uns selbst, unsere Mitmenschen, das Leben, Gott … aber wir können es nicht. Gut, ein wenig können wir manchmal verstehen, aber immer dann, wenn wir meinen, verstanden zu haben, wie der Hase läuft, läuft er anders. Das Leben ist zu komplex. Die Menschen sind zu komplex. Wir selber sind zu komplex. Immer nur erfassen wir einen Zipfel – nie mehr …

Wer bin ich denn? Bin ich der, wie andere mich wahrnehmen, oder der, wie ich mich wahrnehme? Die Summe meiner Gedanken und Gefühle? Bin ich der, der ich mich mir selbst erzähle? Bin ich der, der ich mich selbst immer neu konstruiere, indem ich Geschichten meines Lebens erinnere (andere vergesse), interpretiere, verändere, neu mit anderen Geschichten und Erinnerungen und gegenwärtigen Erfahrungen verbinde? Bin ich ein Blatt im Wind oder eine Eiche im Sturm oder eher der Wind und der Sturm?

Gott allein kennt das Herz aller Menschenkinder, heißt es im 1. Buch der Könige. Das Herz, als Zentrum der Identität, das kennen wir Menschen nicht. Nicht das der anderen und nicht das eigene.

Wir würden gerne verstehen, den Überblick haben, den Durchblick, dass wir uns weitblickend und einblickend gut und richtig verhalten – in Coronazeiten, aber auch sonst. Aber es ist immer nur sehr bruchstückhaft, fragmentarisch möglich, dass wir verstehen.

Mit dem Verstehen-wollen hängt oft auch ein Kontrollieren-wollen, Bestimmen-wollen zusammen – denn es stimmt: Wissen ist Macht – und nur was ich verstehe, kann ich auch kontrollieren und beherrschen. Wenn wir aber letztlich nicht verstehen können, dann ist das aus der Perspektive sehr traurig und frustrierend – aber auch befreiend.

Zum einen: wenn wir alle begreifen würden, dass wir nicht den Durchblick haben, immer die Besserverstehenden sind, sondern dass wir mit den anderen so oft im Trüben fischen, dann wäre das wohl das Ende aller Rechthaberei, aller Bestimmerei, aller Ausgrenzung und der Beginn, gemeinsam und tolerant nach der Wahrheit zu suchen. Anders ist nicht schlechter, nur anders. Die andere Meinung ist vielleicht nicht einfach falsch, sondern nur anders und eine gute Hilfe, meine eigene noch einmal zu überdenken um gemeinsam etwas mehr verstehen zu lernen.

Zum anderen: wenn wir begreifen, dass Gott allein die Herzen aller Menschenkinder kennt, dass Gott allein den Weit- und Durchblick hat, dass wir gar nicht alles verstehen können, dann kann uns das befreien, nicht alles verstehen zu müssen. Wir müssen nicht alles kontrollieren. Manchmal die Dinge einfach zu nehmen, wie sie kommen, ohne sie verstehen zu müssen, manchmal die Menschen nehmen wie sie sind, unvollständig, unverständlich und nicht in unsere „Verstehensschubladen“ passend – das ist nicht leicht, aber vielleicht hilfreich.

So, wie das Rainer Maria Rilke in einem Gedicht ausdrückt:

Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
So wie ein Kind im Weitergehen
Von jedem Wehen
Sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

Uns jeden Tag geschehen zu lassen, schenken zu lassen, und uns an ihm zu freuen, um dann dem kommenden freudig unsere Hände hinzuhalten – ohne alles verste-hen zu wollen und zu müssen … ja, dann kann das so unverständliche Leben werden wie ein Fest. Die so unverständlichen Anderen werden wie Mitfeiernde im Blütenwind (auch wenn sie anders sind als ich) und ich, so unglaublich unverständlich ich mir auch manchmal bin, werde mich dankbar in Gottes Händen finden.

Christoph Eidmann