Zur Sache mit Gott

Das ist aber mal ein Spruch, so meine erste Reaktion beim Lesen. Kurz, knackig, prägnant. Ein Wort. Das so viel sagt. Eingeführt durch das bedeutungsvolle „Jesus Christus spricht:“ – also höchste Autorität vom Evangelisten Markus einberufen!

Eine Aufforderung nur: „Wachet!“ Wenn das mal so einfach wäre… Ein kleines Nickerchen wird doch noch erlaubt sein… gerade jetzt, bei einsetzender Frühjahrsmüdigkeit, durchaus vielleicht im Gottesdienst – ist mir ja auch schon passiert… Und überhaupt: Wann, wo, zu wem hat Jesus das denn angeblich gesagt? Ich stelle mir vor: Der Tag hat sich schon geneigt, es ist Feierabend irgendwo in Galiläa nach langen Märschen in der Hitze – da könnten doch schon mal die Augen zufallen. Aber: Es scheint, als bestünde die Gefahr, dann etwas Wichtiges zu verpassen, zu verschlafen eben. Also: Bibel auf, nachgeschlagen!

Unser Monatssatz stammt aus dem letzten Teil der so genannten „Endzeitrede Jesu“, wie sie Markus überliefert. Darin erzählt der Evangelist von Zeichen, an denen man das Eintreten der Endzeit erkennt. Zum Schluss ruft dann Jesus die Jünger zur Wachsamkeit. Die Rede ist schwer zugänglich, sie wirkt befremdlich und bedrohlich, aber auch weltfremd: Wer rechnet schon mit dem Weltuntergang? Ich frage mich: Will der Schriftsteller Markus mit dieser Jesusrede den Jüngern und uns Angst machen? Und wenn ja, warum?

Ein Schlüssel zur Antwort ist die Beobachtung, dass die düsteren Szenarien, die Markus hier beschreibt, keine fiktiven Zukunftsbilder sind. Als „Endzeit“ beschreibt sein Jesus die selbstverständliche Erfahrung der Menschen in ihrer Gegenwart. Das Leben war täglich bedroht, jederzeit konnte die kleine, (un-)sichere Welt zusammenbrechen. Und natürlich erwarteten sie auch nichts anderes von ihrer Zukunft. Es handelt sich hier also nicht um Schockbilder, mit denen Jesus seine Mitmenschen ängstigen wollte, etwa um sie aus ihrer Bequemlichkeit aufzurütteln. Sie hatten kein bequemes, vermeintlich sicheres Leben. Jesus beschreibt hier bei Markus, was ist und was kommt, und das ist kein Grund zu unbekümmertem Optimismus. Doch da hinein spricht dieser Jesus eine große Verheißung: Der göttliche Menschensohn wird kommen, in diese Welt wie sie tatsächlich ist, heute und wie sie wohl auch morgen sein wird.

Da hinein kommt Gott, sagt Jesus. Er lässt euch nicht in der Misere sitzen. Er wartet nicht, bis ihr es aus eigener Kraft geschafft habt. Er kommt in diese verwundete Welt – und er wird euer Leben heilen, versöhnen, retten. In ihm findet ihr Halt, auch und gerade in der Not. Lasst euch also nicht täuschen: Alles, was euch Angst macht, ist geradezu Anzeichen, dass Gott nicht fern ist. Aber haltet die Augen auf, dass ihr ihn erkennt, wenn er kommt. Keine Angstrede also, die Markus seinen Zeitgenossen und uns da zumutet, im Gegenteil: Es ist eine Trost- und Mutrede für Menschen, die ihre Welt vor Augen haben und verzagen könnten. Wenn sie nicht die Hoffnung hätten, die aus dem Glauben kommt. Diese Trost- und Mutrede ist keine billige Vertröstung, im Sinne eines: „Da müsst ihr jetzt halt durch, aber ganz am Ende wird schon alles gut!“ Denn dass mit dem Kommen des Menschensohnes nicht der kosmische Weltuntergang gemeint ist, wie ihn die ersten Christen noch erwartet haben, das haben die nachfolgenden Generationen bald verstanden. Dieses Kommen ist jeder Generation, ja jedem Menschen zugesprochen, der seine eigenen Endzeiterfahrungen macht. Der sich angesichts seiner Lebenswelt überhaupt nicht vorstellen kann, dass es gut weitergeht. Weil er sieht, wie nahe die Grenzen dieses Lebens und der eigenen Möglichkeiten sind: Im Versuch, Frieden in der Familie zu halten und zu stiften; im Umgang mit  einer Krankheit, die ich nicht erwartet habe; in dem, was ich „noch“ alles vorhabe – und mir die Zeit unter den Fingern davonfließt. Jedes Leben, jeder Mensch kennt seine Endzeit. Und so gilt das Wort des Markus allen: In dein begrenztes Leben will Gott kommen und Zukunft stiften. Da docke ich an und schrecke hoch aus meiner Frühjahrsmüdigkeit. Das können Menschen doch gebrauchen – auch und gerade im Jahr 2020. Das „Wachet!“ höre ich als eine Wachsamkeit der offenen Augen. Die weiß, dass die Krokusse den Frühling ankündigen. So wie der Mensch der Mittelmeer-Gegend wusste, dass der sprießende Feigenbaum den Sommer verheißt. Es ist eine reife Wachsamkeit. Die weiß, dass nichts auf Erden ewig ist. Kein Sommer, kein Winter. Wir nicht. Auch das Menschengeschlecht nicht. Es ist aber eine Wachsamkeit voll Vertrauen. Wir werden die rettende Hand sehen, den Funken in der Dunkelheit, Christus auf den Wolken. Und schon jetzt Gottes Spuren in unserer Welt. Und das macht mich nicht ängstlich. Sondern gelassen. Und aufmerksam zugleich. Wach eben! Auch im Frühling.

Jens Römmer-Collmann