Schicksals-Steine

Schicksals-Steine

Es ist gar nicht so leicht, sie nach rund 20 Jahren wieder zum Glänzen zu bringen, ihre Inschriften deutlich lesbar zu machen: die in Mondorf, Rheidt und Bergheim verlegten Stolpersteine, mit denen geschichtsbewusste Bürger (einige auch aus unserer Kirchengemeinde), die wenigen überlebenden Angehörigen und vor al­lem der Kölner Künstler Gunter Demnig an das Schicksal der Menschen erinnern, die zur ehemaligen Synagogengemeinde Mondorf gehörten. „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, zitiert Gunter Demnig den Talmud. „Mit den Steinen vor den Häusern wird die Erinnerung an die Menschen leben­dig, die einst hier wohnten. Auf den Steinen steht geschrieben: HIER WOHNTE… Ein Stein. Ein Name. Ein Mensch“.

Zwei neue „Steine“, kleine quadratische Messingplatten mit Namen und Daten, kamen letzten November im Rahmen einer kleinen Zeremonie dazu – zwei von insgesamt jetzt 75.000 in ganz Europa. Zum Beispiel der für Benno Levy, Jahr­gang 1914, den auch die Flucht nach Holland nicht vor der Deportation rettete und der 1943 in Auschwitz ermordet wurde. Die Levys, Viehhändler an der Ober­dorfstraße in Mondorf, lebten, jedenfalls bis 1933, in gutem nachbarschaftli­chem Kontakt mit der christlichen Familie nebenan, die selbstverständlich ihren Brunnen im Garten benutzen durfte und dafür der fast blinden Mathilde Levy, Bennos Mutter, zur Hand ging, bis man diese nach Theresienstadt und dort in den Tod schickte. Benno selbst, begeisterter Fußballer, soll Gründungsmitglied des TuS Mondorf gewesen sein. Seine Schwester Renate Rachel starb ebenfalls in Auschwitz, Bruder Erich war rechtzeitig die Flucht nach Amerika gelungen.

Ein paar Häuser weiter wohnte die Familie Wolff, auch sie lebte vom Viehhandel. Vater Bernhard, ausgezeichnet mit dem „Krieger-Vereins-Ehrenkreuz“ und Kas­senführer desselben Vereins, der ihn 1935 zum Austritt zwang, wurde 1942 in Trostinec bei Minsk ermordet, so wie seine Frau Sybilla und Sohn Jakob. Tochter Carolina starb in Auschwitz, nur Sohn Markus überlebte in den USA.

Manche Stolpersteine befinden sich an Orten, an denen die alten Wohnhäuser längst abgerissen wurden oder Neubauten und neue Straßen entstanden sind:
etwa an der Einfahrt zum Mondorfer Rewe-Markt. Dort stand das Haus einer anderen Familie Levy, das die Nazis schließlich zum „Sammelhaus“ erklärten, in das alle noch in Mondorf ansässigen Juden gepfercht wurden, bevor man sie im Lager Much internierte und von dort „nach Osten“ deportierte.

Nur Ernst Levy, der den väterlichen Viehställen den Rücken gekehrt hatte und als Textilkaufmann in einem Bonner Herrenbekleidungsgeschäft arbeitete, war 1938 die Flucht nach Amerika gelungen – Vater Bernhard und Mutter Mathilde starben in Theresienstadt, die Geschwister Isidor und Ernestine in Majdanek.

Und wo einst die Familie Frenkel in Rheidt wohnte, am Abzweig der Marktstraße zum Netto-Laden, erinnern nur noch die Stolpersteine an die Häuserzeilen der Vergangenheit. Bis 1933 führte Julius Frenkel sein Schuhgeschäft, spielte ge-meinsam mit Bruder Karl Fußball bei Hertha Rheidt, und beim Jubiläumskonzert des Männergesangvereins durften die bis dahin geschätzten Brüder 1934 zum letzten Mal mitsingen, aber nur noch in der letzten Reihe. Wie die übrigen Fami-lienmitglieder wurden auch sie deportiert und ermordet.

Dass sie niederländische Staatsbürger waren und 1939 nach Holland flohen, be-wahrte auch die zweite Mondorfer Familie Wolff – Alfred Wolff von der unteren Provinzialstraße war der letzte Vorsitzende der Synagogengemeinde – nicht vor dem Untergang. Auch in Holland wurden Alfred und seine Frau Meta in Lagern interniert, dann in tagelanger qualvoller Zugfahrt nach Sobibor gebracht und dort sofort getötet. Mit ihnen starben Alfreds alte Mutter Henriette, deren Stol-perstein vor dem Café Hünten liegt, und der erst zwölfjährige Sohn Paul Otto.

Johanna Gottschalk, „begnadete Schauspielerin“ beim Theaterverein Rheidt, Tochter des Metzgers Johann Gottschalk, der 1936 starb und noch auf dem jü-dischen Friedhof in Mondorf beerdigt wurde, entkam der Verfolgung in stets gefährdeten Verstecken mit Hilfe ihres evangelischen Ehemanns und dessen Freunden. Auch ihre Brüder überlebten: Ludwig in Amerika, Siegfried im holländischen Untergrund.

Auf höchst gefährlichen Um- und Fluchtwegen kam schließlich auch Karola Stern davon, deren Stolperstein ebenfalls erst im November vor der Sparkasse in Rheidt verlegt wurde, wo einst ihre mutigen Pflegeeltern Pütz das Kind, das von seiner jüdischen Herkunft zunächst gar nichts wusste, liebevoll und gut katholisch aufzogen. Karola Stern, inzwischen 94 Jahre alt, war nach dem Krieg nach Rheidt zurückgekehrt, hatte eine Familie gegründet, jahrelang im Kirchenchor gesun­gen, liebe Freunde gefunden. Die Furcht vor antisemitischen Feindseligkeiten, immer noch und wieder, hat sie nicht vergessen – und sich über ihren Stolper­stein auf anrührende Weise gefreut.

Unumstritten sind diese Steine, über die man ja eher mit den Augen und dem Herzen als mit den Füßen stolpert, übrigens nicht: manche Leute wollen sie nicht vor ihrer Haustür haben, andere die Erinnerung nicht mit Füßen treten. In der Nazizeit war auf Häusern in jüdischem Besitz ein weißer Judenstern anzubringen. Vor der Enteignung. Und auf Menschen ein gelber Stern. Vor der Ermordung.

Gabriele Karbe

Stolpersteine in Mondorf