Nachruf

Erinnerung an Dietrich Leist

Im Jahr 1973 wurde Dietrich Leist in die 2. Pfarrstelle der Kirchengemeinde Niederkassel eingewiesen. Dieser zweite Pfarrbezirk war von der Landeskirche 1970 für Lülsdorf und Ranzel eingerichtet worden, nachdem die Gemeinde durch riesige Neubaugebiete beinahe explosionsartig anwuchs – als Zuzugsgebiet für Köln und Bonn und durch die Umsiedlung zahlreicher Familien zum Lülsdorfer Chemiewerk nach Zechenschließungen im Ruhrgebiet. 1970 war auch der Bau der Emmauskirche fertiggestellt.

Neben Gemeindearbeit und Gemeindeaufbau gab es 1973 bereits Diskussionen über die Situation der Jugendarbeit in Niederkassel. Es entstanden erste Gedanken, eine „Intertat“-Gruppe für behinderte Kinder zu gründen, es gab einen Arbeitskreis Jugendalkoholismus und Beratung für junge Arbeitslose.

Nach einem Gemeindetag „Verantwortung für die Umwelt geht jeden an“ wurde 1978 ein Tag der offenen Tür in der Emmauskirche veranstaltet unter dem Motto „Alle reden von der Energiekrise – wir packen sie an.“ Ein Windrad und ein Sonnenkocher wurden vorgeführt, der WDR berichtete live.

1981 veranstaltete Dietrich Leist eine Friedenswoche in der Emmauskirche mit einer Aktion „Ohne Rüstung leben“. 1983 folgte ein Friedenswochenende mit realistischen Planspielen „Friedensruh“ und „Atomwaffenfreie Zone“ im Gemeindezentrum Emmauskirche. Jugendliche übten sich in Diskussion und Demokratie.

Beim Sommerfest mit ausländischen Mitbürgern im Jahr 1985 gab es eine Ausstellung „Da bin ich geboren“. 1989 war Dietrich Leist maßgebend daran beteiligt, dass die Kirchengemeinde mitten im Kommunalwahlkampf ein öffentliches Wort zum Rechtsradikalismus abgab.

Nach massiven rassistisch motivierten Angriffen in Deutschland gegen Asylbewerber und andere Einwanderer rief Dietrich Leist 1992 dazu auf, durch Teilnahme an einem Schweigeweg ein Zeichen gegen Ausländerfeindlichkeit zu setzen. Er forderte: „Christliche Gemeinden müssen sich der Fremden annehmen“ und rief eine Telefonkette für Notfälle ins Leben.

Bei Gemeindefesten ließ er die Emmausgemeinde aus bunten Bändern Friedensnetze durch die ganze Kirche knüpfen und lud ein, Ängste, Hoffnungen, Dank und Fürbitten auf buntes Papier zu schreiben.

Zum 20. Geburtstag der Emmauskirche bekam Dietrich Leist eine weiße Mantelalbe geschenkt. Mehr als 100 Gemeindemitglieder hatten sich daran beteiligt. Das Presbyterium beschloss einen Katalog von Festtagen, bei denen die Mantelalbe mit einer farbigen Stola getragen werden durfte, um dem festlichen oder fröhlichen Charakter eines Gottesdienstes auch äußerlich Ausdruck zu verleihen. Seither trug Dietrich Leist die Albe mit roter Stola bei Konfirmationen und Gemeindefesten.

Und dann waren da die Osternächte mit anschließendem Ostermahl, die Einbeziehung der Gemeinde in die Gottesdienstgestaltung, die Konfi-Freizeiten in Niederdreisbach im Westerwald, die Rede Dietrich Leists zum 50. Geburtstag der Kirchengemeinde Niederkassel, „einer lieben alten, jungen Freundin“, wie er es nannte und bei der er nach seiner Rede 50 rote Rosen an die Zuhörer verteilte. Und da war noch so viel mehr…

1998 feierte Dietrich Leist sein 25-jähriges Ordinationsjubiläum. Seine positive Erfahrung mit seinem Beruf sei, so sagte er damals, dass er Gott sei Dank immer wieder Menschen erlebe, die in der Kirche aufatmen können, die die befreiende Botschaft des Evangeliums erleben. „Wo Menschen an den Rand gedrängt werden, da hat die Kirche zur Stelle zu sein, die Freiheit des Evangeliums zu verkünden, ein Wächteramt wahrzunehmen gegenüber dem Staat.“

Viele Vikare haben die Gemeinde wie eine große Familie empfunden. Aus dienstlichen Begegnungen und mit ehrenamtlichen Mitarbeitern entstanden Freundschaf-ten. Wenn Mitarbeiter nach dem gemeinsam Erreichten fragten, war Dietrich Leist immer ganz beglückt, wenn er sagen konnte, dass einem Menschen geholfen werden konnte – durch ein Gespräch mit ihm, durch eine Predigt oder durch eine Erfahrung mit Mitarbeitern in der Kirche. „Das lohnt die ganze Arbeit“, sagte er. „Der heilige Geist ist wirklich etwas ganz Reales.“

Wichtig waren ihm auch Aktionen, mit denen er viele Menschen bewegen konnte, wo es ins Gesellschaftspolitische ging, wie der Weg des Gedenkens zur ehemaligen Synagoge in Mondorf zum 50. Gedenken der so genannten „Reichskristallnacht“.

Dietrich Leist konnte einiges in Gang bringen. In den ersten Jahren ging es mit Dritte-Welt-Arbeit los, Demos und Basaren. Dann kamen Umweltfragen zu einer Zeit, als es noch keine Grünen gab. Dann die Friedensdiskussionen, Aufrüstungsdebatte, Pershing. „Da waren wir eine Gemeinde, die immer sehr früh an den Themen dran war“, sagte er.

Eine wichtige und kritische Begleiterin war für ihn seine Frau Renate, die in Anerkennung ihrer Verdienste um die integrative Arbeit
mit ausländischen Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen 1998 das Bundesverdienstkreuz verliehen bekam.

Die drei Kinder der Familie Leist sind inmitten von Mitarbeiterkreisen aufgewachsen.

Nach 28 Jahren in der Emmauskirche trat Dietrich Leist im Jahr 2001 in den Ruhestand und zog mit Ehefrau Renate nach Troisdorf-Spich. Dort hatte er, der von 1984 bis 1992 nebenher auch Kreissynodalbeauftragter für das Archivwesen im Kirchenkreis An Sieg und Rhein war, ganz privat mehr Zeit für sein Hobby Ahnenforschung und arbeitete an einem Buch. In den Sommermonaten zog es das Ehepaar Leist weiter in den Urlaub nach Griechenland. Und beide führten in Spich ein gastliches Haus für Familie und einen großen Freundeskreis.

Mit den Worten „Lass die Grude nicht ausgehen“, so erzählte Dietrich Leist in einem Gemeindebrief aus 1998, hatte sein Vater Besucher gern verabschiedet. Der Grudeherd war in seiner Heimatstadt Magdeburg ein kleiner Ofen, der mit schwer zu entzündendem Braunkohlestaub geheizt wurde. Man musste ständig darauf achten, dass die Glut nicht ausging. Sprichwörtlich gebraucht, die Lebensglut, das Lebensfünkchen, Licht und Wärme des Glaubens, der Hoffnung, der Liebe nicht verlöschen zu lassen. Das hat Dietrich Leist seiner Gemeinde gewünscht, dieser Satz hat ihn, seine Familie und seine Freundinnen und Freunde weiter begleitet.

Dietrich Leist wurde 78 Jahre alt.

Heidrun Bader