Brief an die Gemeinde

Lieber Bewerber, liebe Bewerberin
um einen Platz im Presbyterium der Evan­gelischen Kirchengemeinde Niederkassel

Es freut mich, dass Sie Ihr Interesse bekunden, aktiv im Leitungsgremium unserer Kirchgemeinde mitzuwirken. Ich kann Ihnen versi­chern, dass diese Mitarbeit nicht nur für die Kirche, sondern auch für einen selbst ein Gewinn im Sinne von neuen Erkenntnissen, Erfahrungen, Erlebnissen und Eindrücken sein wird.

Seien Sie unvoreingenommen, gleichwohl aber kritisch. Stellen Sie Fragen, wenn Ihnen der Sachverhalt nicht vertraut ist – bevor Sie mit Ja oder Nein stimmen. Haben Sie Mut, Ihren eigenen Standpunkt darzustellen. Seien Sie aber nicht ent­täuscht (oder sogar beleidigt), wenn es aufgrund der Mehrheitsverhältnisse zu einer anderen Entscheidung kommt. Es geht um unser Gemeindeleben – sonst nichts.

Sie werden schnell feststellen, dass es in der kirchlichen Zusammenarbeit ähnlich wie in einer Behörde oder einem großen Unternehmen zugeht. Es geht um Per­sonal- und Finanzangelegenheiten, Organisationsfragen, betriebswirtschaftliche Abläufe, um Gestaltung und Planung der Zukunft der Gemeinde und – last but not least – Teilhabe an und Reaktion auf gesellschaftspolitische Herausforderun­gen.

Haben Sie es bemerkt? Das Wort „Gott“ ist bisher noch nicht aufgetaucht.

Ja, liebe Bewerberin, lieber Bewerber, jede Sitzung beginnt mit einer kleinen An­dacht und endet mit einem Gebet. Das ist die Klammer, in der sich unser ganzes Arbeiten bewegt und das wir uns ständig vor Augen halten sollen. Sicherlich will Gott, dass wir unsere Talente zum Wohl der Gemeinde einbringen.

Als Kind habe ich geglaubt, die Aufgabe eines Presbyters/Presbyterin bestünde darin, im Gottesdienst die Kollekte einzusammeln. Aber es ist wie bei dem Eis­berg: Man sieht nur 1/7 seines Umfangs; der Rest ist verborgen.

Nach zwei Wahlperioden scheide ich nun aus eigener Entscheidung aus dem Presbyterium aus. Für mich war es eine gute, spannende und manchmal aufre­gende Zeit und – das will ich gar nicht verhehlen – ich kam auch einmal spät abends nach Hause und musste zu meiner Beruhigung noch einen Schnaps trin­ken, weil es in der Sitzung zu einer Entscheidung gekommen war, die mir nicht gefallen hat.

Aber ich kann Ihnen versichern: Atmosphärisch ist das Presbyterium ein Gre­mium mit großem Wohlfühl-Effekt und getragen von gegenseitiger Wertschät­zung.

Als ich seinerzeit im Presbyterium anfing, habe ich, in guter Verwaltungstradition, zuerst mal einen neuen Ordner angelegt. Auf die Innenseite des Aktendeckels habe ich einen Psalm des Liedermachers und Kabarettisten Hanns Dieter Hüsch geklebt. Er lautet:

Was macht, dass ich so furchtlos bin an vielen dunklen Tagen?
Es geht ein Geist durch meinen Sinn, will mich durchs Leben tragen.
Was macht, dass ich so unbeschwert und mich kein Trübsal hält,
weil mich mein Gott das Lachen lehrt, wohl über alle Welt.
Ich bin vergnügt, erlöst, befreit.
Gott nahm in seine Hände meine Zeit, mein Fühlen,
Denken, Hören, Sagen,
mein Triumphieren und Verzagen, das Elend und die Zärtlichkeit.

Ein Punkt auf jeder Tagesordnung ist die Benennung der Kirchenaustritte. Es ist für mich immer wieder deprimierend, wenn ich mir die Zahlen anschaue. Sicherlich wäre es zu einfach, das alles mit der Kirchensteuer zu erklären.

Wir müssen die Kirche zu den Menschen bringen (wenn diese schon sonntags nicht zum Gottesdienst kommen). Der 1. ökumenische Stadtkirchentag 2017 auf dem Marktplatz in Niederkassel hat gezeigt, wie groß das Interesse ist.

Präsenz in der Öffentlichkeit, im Vereins- und Gemeindeleben der Stadt. Die Be­reitschaft, auf die Menschen zuzugehen, mit ihnen zu sprechen und zuzuhören. Eine größere Be­teiligung an der rheinischen Brauchtumspflege wie Karneval, Kir­mes oder Mitwirken des Kirchenchors beim „Mai-Ansingen“. Alles Tätigkeiten, die geplant und im Presbyterium erörtert werden müssen.

Aber sicherlich hält die Zukunft noch größere und herausfordernde Aufgaben pa­rat – sei es in organisatorischer oder finanzieller Hinsicht.

Ich habe mir mein Gottvertrauen niemals erschüttern lassen. Und oftmals habe ich mir meinen Konfirmationsspruch in Erinnerung gerufen: „Wer aber bis ans Ende beharrt, der wird selig.“

Alles Gute und Gottes Segen wünscht Ihnen                    
Günter Gail