Zur Sache mit Gott

„Wie kann man in so unsicheren Zeiten ein Kind in die Welt setzen?“

So reagierten die Eltern, Tanten und Onkel, als bei meinen Eltern das erste Kind unterwegs war. Die Generation, die nach Erstem Weltkrieg, Börsenkrach, Inflationsver-lusten und inmitten neuer Kriegstreiberei selbst eben jene Kinder in die Welt gesetzt hatte, die sich nun, in den 1960er-Jahren anschickten, eine eigene Familie zu gründen, war skeptisch: Konnte man jetzt wirklich Kinder in die Welt setzen? Wie blauäugig musste man sein – oder wie blind! Es war doch alles viel zu unsicher! Statt sich zu freuen, säten sie Zweifel. Statt zu ermutigen, stellten sie infrage. Statt sich an den eigenen Wagemut zu erinnern, bekrittelten sie die gute Hoffnung, die hier Gestalt gewann.

Aber – unsichere Zeiten? Natürlich: da war die Kuba-Krise gewesen, der Bau der Mauer ging weiter voran, Kennedy war ermordet worden und in Vietnam waren Napalmbomben gefallen; die Kulturrevolution in China war in vollem Gange, in Kaschmir herrschte Krieg, die Kolonien errangen nach und nach Selbstständigkeit, um die Rassentrennung in Amerika gab es Unruhen. Und – nicht zu vergessen: die Russen eroberten den Weltraum, die Beatles eroberten die Welt… Aber: waren diese Zeiten wirklich unsicherer als andere? Gab es mehr Gründe als früher oder später gegen die Geburt eines Kindes?

Ein Kind in die Welt zu setzen, war schon immer ein Wagnis. Und wer auf sichere Zeiten wartet, wird womöglich ewig warten. Zu vieles in unserem Leben haben wir nicht in der Hand, und was sicher scheint, kann von einem Augenblick zum nächsten ins Wanken geraten. Da reicht eine Unaufmerksamkeit, eine Entscheidung, die jemand anderes trifft, ein Zusammenhang, der uns nicht bewusst war – oder eine kleine virale Neuheit in der Welt. Wer könnte ernsthaft glauben, sich gegen all das absichern zu können, um dann aus vollem Herzen dem Leben Raum zu geben?

Ein Kind in die Welt zu setzen, war schon immer ein Wagnis. Die Zeiten sind immer unsicher. Ein Kind in die Welt zu setzen, will darum gut überlegt sein. Aber wenn das Leben über die Gefahr, die Freude über die Angst gewinnen, wenn Zukunft werden soll, geht es nicht ohne Wagnis. Ein Kind in unsicherer Zeit ist Zeichen der Hoffnung. Es erzählt von der Schutzbedürftigkeit des Lebens – und seiner nicht zu bändigenden Lebendigkeit. Ein Kind ist ein Wagnis, das gewinnt.

Das gilt auch für Gott. Das war auch schon so „zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Sy-rien war“. Und Gott setzt nicht nur in unsicheren Zeiten ein Kind in die Welt, sondern er setzt es bewusst den Unwägbarkeiten der Welt und des Lebens aus. Von unklarer Herkunft, geboren in improvisierter Unterkunft, schon früh am Leben bedroht – und dennoch ein Kind, das lebt und Leben bedeutet für viele. Gott setzt sich in diesem Kind der gefährlichen, unsicheren Welt aus, damit die Angst weicht und die Men¬schen Mut fassen und die Freude größer wird als alles, was sie fürchten: sie sind nicht allein, sondern Gott ist da in diesem Kind.

Im Tagesspruch für den Heiligen Abend heißt es aus Lukas 2:

Fürchtet euch nicht!
Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird;
denn euch ist heute der Heiland geboren,
welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. (V10b.11)

Gerade in unsicheren Zeiten ist mir dieser Zuruf das Kostbarste an der Weihnachts-geschichte. Ich stehe wie die Hirten im Dunkel, meine Augen können die Finsternis nur bis zu einem bestimmten Grad durchdringen. Ich kann Kommendes ahnen und mich fürchten und erstarren vor Angst. Aber von außen, vom Himmel her bringt einer Licht, singt ein Engel gegen die Angst an, erzählt von einem Leben, das lebendiger ist als die Gefahr. Ein Kind, ein Wunder, ein Geschenk der Hoffnung. Der Heiland ist geboren für alle, die damals und bis heute ihr Leben nicht in der Hand haben. Die sich schutzlos und ausgeliefert fühlen. Deren Lebensmut langsam zu ersticken droht.

Der Ruf des Engels ändert die Blickrichtung. Zeigt ein Kind, das – trotz allem – gebo¬ren wurde. Erinnert: es gibt Leben, das schutzbedürftig und zugleich stark ist. Einen kindlichen Herrn und göttlichen Heiland, dem wir wichtig sind.
Mit diesem Kind ist etwas in der Welt, das die Relationen zurechtrückt: Auch im Schweren ist Leben. Das Dunkel bleibt nicht undurchdringlich.
Gewiss: Die Bedrohungen werden nicht geringer, die Zeiten nicht sicherer, die Unwägbarkeiten nicht kleiner. Aber um Gottes willen, der dieses Kind in die unsichere Welt setzt, fürchte ich mich nicht. Ich nehme ihn beim Wort und freue mich. Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr.

Irina Solmecke-Mayer