Zur Sache mit Gott

 

Es gibt einen wunderbaren Spruch von Woody Allen, den ich mir immer wieder auch gerne mal selber sage:
„Ich weiß viel zu wenig, um inkompetent zu sein.“
Muss man sich diese Worte ein paar Mal durch den Kopf gehen lassen, weil sie so widersprüchlich in sich sind? Denn unser normaler Sprachgebrauch ist ja so, dass wir sagen: entweder ich weiß wenig und bin dann inkompetent – also: ich weiß viel zu wenig, um kompetent zu sein – oder ich weiß viel und bin dann kompetent – also: ich weiß zu viel, um inkompetent zu sein. Woody Allen dreht es aber in das Paradox: wer wenig weiß ist nicht inkompetent – und vielleicht ist auch der Umkehrschluss möglich: wer viel weiß ist nicht kompetent.
Das erinnert ein wenig an den berühmten Satz des Sokrates: „Ich weiß, dass ich nichts weiß.“ Aber mir scheint, dass in den Worten von Allen anderes steckt.
Das Sympathische an dem Satz scheint mir zu sein, dass er zum einen zur De-mut führt durch die Erkenntnis und die Einsicht, dass ich nicht viel weiß. Zum anderen enthält er aber auch die Zusage und den Trost, dass das gar nicht schlimm ist, vielleicht sogar gut, da es scheinbar ein anderes Wissen gibt, das dem Nichtwissen gar nicht widerspricht. Der Satz sagt: Es gibt ein Wissen, dass euer Gerangel um Standards und Kompetenzen radikal übersteigt.

Zum Schuljahresbeginn und Semesteranfang sind diese Gedanken hoffentlich nicht demotivierend, sondern eher entlastend. Mich entlastet dieser Satz je-denfalls immer wieder. Ich muss nicht alles verstehen. Ich muss nicht alle Stan-dards erfüllen, die andere an mich herantragen. Ich muss nicht alle Kompeten-zen haben, die andere von mir erwarten. Manchmal öffnet sich gerade im Ein-geständnis des Nichtverstehens, der eigenen Grenzen und Begrenzungen ein Wissen, das weiter und tiefer reicht. Das befreit mich nicht von dem Wunsch und der Sehnsucht, immer wieder neu zu lernen, zu verstehen, zu erkennen, aber von dem Anspruch, mit meinem Wissen alles erkennen zu können und alles verstehen zu müssen.
Das gilt für mich oft auch im Blick auf den Apostel Paulus – auch im Blick auf z.B. diesen Monatsspruch im September. Ein kurzer Satz, herausgeschnitten aus einem komplexen Kontext, eigentlich nicht kompliziert klingend. Gott hat in Christus die Welt mit sich versöhnt. Aber was heißt das?
Ein wenig zum Kontext: Wenn jemand in Christus ist, so ist er neu, eine neue Schöpfung. Etwas Neues beginnt – so schreibt Paulus wenige Sätze vorher. Und dieses Neue hat mit Versöhnung zu tun zum einen so, dass dieses Neue in der Versöhnung wurzelt und entsteht, zum anderen aber so, dass dieses neue Sein den Auftrag hat, Versöhnung in der Welt zu bewirken, mitzuwirken an diesem Prozess der Versöhnung, den Gott in Christus angestoßen und gleich-zeitig schon vollendet hat.
Versöhnung meint in unserem Sprachgebrauch, dass etwas wieder gutgemacht wird. Distanz, Streit, Unfriede wird zwischen zwei Personen oder Gruppen überwunden und man ist wieder gut miteinander. Friede, ein gutes Miteinan-der – ja vielleicht sogar Liebe – ist die Folge der Versöhnung. Hinter dem griechi-schen Wort, das Paulus hier benutzt, steckt ursprünglich die Bedeutung eines Wechsels, wie man eine Münze wechselt. Versöhnung wechselt also Entfrem-dung in Nähe, Hass in Liebe, Unfriede in Friede. Und genau diesen Wechsel hat Gott in Christus im Blick auf uns alle vollzogen und wir sind gerufen, in diesem Prozess von Streit zu Frieden, von Hass zu Liebe mitzuwirken. Es ist schon geschehen und gleichzeitig noch im Wachsen. Schon und noch nicht … Eigentlich ist alles Liebe und Friede. Alles ist ok und richtig zwischen der ganzen Welt und Gott und auch in der ganzen Welt. Gleichzeitig ist aber nicht alles ok und richtig. Krieg, Streit, Unfriede und Hass sind ja sehr gegenwärtig. Populisten schüren Hass. Rassismus tötet Menschen. Und Gott? Entfremdung Gott gegenüber scheint auch immer weiter bei uns zu wachsen, wie die hohen Zahlen der Kir-chenaustritte belegen.
Schon und noch nicht …? Wo ist denn das ‚Schon‘ der Versöhnung? In dem Monatsspruch steht eine Vergangenheitsform. Ja, das ist eindeutig in der Bibel auch gegen den Augenschein: Gott hat (!) die Welt in Christus mit sich ver-söhnt. Alles ist Liebe. Alles ist Friede. Wie aber kann man diese Gleichzeitigkeit von ‚schon‘ und ‚noch nicht‘ verstehen?

Und das weiß ich nicht. Ich weiß es einfach nicht, aber ich kann mich daran festhalten, an diesem Schon des Friedens und der Liebe, auch wenn es so an-ders aussieht in der Welt. Es ist das Kommende, das schon gegenwärtig ist, eingewoben in die Gegenwart, wenn auch vielleicht manchmal unscheinbar oder gar unsichtbar. Auch, wenn ich es nicht verstehe, kann ich es doch versu-chen zu leben. Auch wenn ich nichts weiß, kann ich es fühlen – die Liebe, den Frieden – und erfahren, dass Gott die Welt und auch mich mit sich versöhnt hat. Ein anderes Wissen …
„Ich weiß viel zu wenig, um inkompetent zu sein.“ Gott sei Dank.

Christoph Eidmann