Zur Sache mit Gott

Harte Worte. Ernüchternd und negativ. Vielleicht aber auch: realistisch. Gott be-schreibt hier menschliches Leben. Seine Worte scheinen der Nichtigkeit allen Tuns und der Vergeblichkeit allen Mühens das Wort zu sprechen und beschreiben doch nur, was ist: Ja, wir stehen satt vom Frühstück auf – und doch werden wir nach ein paar Stunden wieder hungrig sein. Wir können jederzeit unseren Durst löschen – und bleiben doch darauf angewiesen, in der Nähe von Nachschub zu sein. Und dass ver-dientes Geld genauso schnell für vieles wieder verbraucht wird, zeigt uns der Kontostand im Laufe jedes Monats. Menschen sind bedürftige Wesen. Arbeit und Mühe und Wiederholungen gehören zum Leben dazu – und am Ende nehmen wir nichts mit.

So ist es eben – und die meiste Zeit können wir gut damit leben, weil und wie die Abläufe und Notwendigkeiten so sind – wer wollte sich darüber ärgern, dass Essen und Trinken in regelmäßigem Rhythmus nötig sind, damit wir leben können? Und manchmal ist es ja auch anders als beschrieben, und die Kleidung wärmt und viel Mühe oder großzügige Saat bringen viele und gute Ergebnisse. Und es bleibt etwas von dem, was wir sind und getan haben, im Beutel des Lebens anderer zurück, in ihren Herzen und Entscheidungen und Erinnerungen. Es gibt Schönes und Mühsames im Alltag der Menschen.
In der Rede Gottes geht es aber um mehr als die alltäglichen Abläufe des Lebens. Unser Versabschnitt beginnt und endet mit den Worten: So spricht der HERR Zeba-oth: Achtet doch darauf, wie es euch geht! Und Gott fragt dabei nach einem größe-ren Zusammenhang.

Es geht um Prioritätensetzung: worauf kommt es zuerst an? Kommen zuerst ich und mein Haus und mein Leben? Und dann Gottes Haus und der Gottesdienst und die Bindung an Gott? Oder ist es anders herum? Oder sollte zumindest ein Sowohl – als auch versucht werden? Was hat Priorität?

Diese Frage strengt an. Wir sind in Prioritätendiskussionen verstrickt seit über einem Jahr: Mit viel Engagement und Leidenschaft wird gestritten über Impfpriorisierung, Schutzbedürftigkeit, Öffnungsreihenfolge, Finanzierungsvorrang, Wirtschaft oder Menschenleben… und auch: Gottesdienst oder Kultur, Restaurants oder Dienstleis-tungen, Kreise und Gruppen oder anderes zuerst zurück in die „Normalität“. Oder auch: Was ist der Menschenwürde angemessener oder den Grundrechten oder der Freiheit oder der Gemeinschaft? Es ist wichtig, dass wir darüber diskutieren – und manchmal auch streiten. Dass wir uns einsetzen oder zurückhalten, vortasten oder zurückrudern. Es geht nicht ohne Prioritätensetzung.

Die Worte aus dem Buch Haggai machen deutlich: egal, wie wir entscheiden mit den Priorisierungen unseres Lebens: Am Ende werden wir wieder hungrig, können nichts halten und nichts mitnehmen. Am Ende und im Letzten, wenn wir darauf achten, wie es uns geht, brauchen wir anderen Halt, andere Gewissheiten. Eine Hoffnung, die weiter trägt – und etwas, das uns zusammenhält über den eigenen Lebenserhalt hinweg.

Für Haggai ist das damals um 520 vor Christus der Wiederaufbau des Tempels. Eifrig damit beschäftigt, ihre Häuser und Gärten wieder her zu richten, ihr normales Leben nach schwerer Zeit wieder aufzunehmen, haben die gerade nach Israel Heimgekehrten den Wiederaufbau des Tempels vergessen. Er liegt weiter in Trümmern, während die Menschen in getäfelten Häusern wohnen und sich zugleich vergeblich mühen, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Sie haben ihre Priorität gewählt. Doch damit kommen sie offensichtlich nicht weiter. Mit dem Tempel haben sie auch Gott vergessen.

Das muss anders werden. Gott fragt nach den Menschen. Ihre Priorität soll sich ver-schieben. Nun geht es nicht darum, dass sich die Menschen das Lebensnotwendige vom Mund absparen, um einen kalten Prachtbau zu errichten. Sondern den Tempel wieder aufzubauen, heißt: Gott wieder einen Ort in der Mitte der Menschen zu ge-ben. Sich zu erinnern: der Mensch lebt nicht vom Brot allein; ja, ohne Gott und die Zeichen seiner Präsenz bei den Menschen ist alles nichts: der Geldbeutel löchrig, die Kleidung zu durchlässig, die Nahrung ohne bleibenden Nährwert. Und der lange Atem für schwere Zeiten geht aus. Achtet doch darauf, wie es euch geht – spürt ihr dann nicht die Sehnsucht nach mehr als Alltag, mehr als Überleben, mehr als Mühen, die doch vergeblich sind? Gott wieder ins Leben hineinzunehmen verheißt, dass das Leben in noch anderer Weise wieder gut wird als bisher. Dass es sich nach oben wei-tet, leichter und weniger vergeblich wird. Denn Gottes Nähe gibt dem Alltag Tiefe und manchen Mühen einen sanften Glanz. Segen wird dann auf dem Tun der Menschen liegen.

Achtet doch darauf, wie es euch geht… Wenn wir in diesen Herbst gehen, wird es auf Vieles ankommen. Auf uns alle, wie wir mit den Erfahrungen und Entwicklungen der sommerlichen Tage weiter gehen. Und wieder werden wir nach Prioritäten fragen. Die Worte des Monatsspruchs für September sollen mich dann im besten Sinne „zur Besinnung bringen“: mich zu besinnen, dass mein Leben mehr ist als Mühe und vergebliches Tun. Mich zu erinnern, dass Gott nach mir, nach uns Menschen fragt. Nicht zu vergessen, dass ich aus Gottes Güte lebe.

Gerade dann, wenn es vielleicht wieder schwierig wird, will ich es wichtig nehmen, immer neu Gott einen Ort in unserer Mitte zu lassen. Ich möchte die alltäglichen Mühen mitnehmen an die Orte des Gebets und der Gemeinschaft – mit Gott und Menschen. Denn ich vertraue darauf, dass sie sich verwandeln lassen durch die Nähe Gottes mitten in meinem Leben.
                                                                                             Pfarrerin Irina Solmecke-Mayer